Nach Uruguay und Italien fand die dritte Fußballweltmeisterschaft vom 4. bis zum 19. Juni 1938 in Frankreich statt. Die „Grande Nation“ setzte sich bei... Weltmeisterschaft 1938: Italiens zweiter Streich

Retro FußballNach Uruguay und Italien fand die dritte Fußballweltmeisterschaft vom 4. bis zum 19. Juni 1938 in Frankreich statt. Die „Grande Nation“ setzte sich bei der Bewerbung gegen Argentinien und Deutschland durch, daraufhin nahmen einige südamerikanische Länder erbost von einer Teilnahme am Großereignis Abstand. Die Entscheidung die WM wiederholt in Europa auszutragen, fand in einer schwierigen Zeitphase statt: In Spanien tobte der Bürgerkrieg, das faschistische Italien träumte von einer Titelverteidigung und auch die Parteiführung des nationalsozialistische Deutschen Reiches wollte den „Triumph des Willens“ im ballesterischen Sinne.

Aus Zwei mach Eins

Die Teilnehmeranzahl war wieder gestiegen, dieses Mal bekundeten 36 Länder Interesse am Wettkampf teilzunehmen. Die europäischen Staaten wurden in neun Qualifikationsgruppen aufgeteilt, die aus Vierer-, Dreier- sowie fünf Zweiergruppen bestanden. Titelverteidiger Italien und Gastgeber Frankreich galten als gesetzt. Letztendlich fuhren mit Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Rumänien, Schweden, der Schweiz, der Tschechoslowakei und Ungarn zwölf europäische Teams nach Frankreich. Sportlich qualifiziert hatten sich allerdings dreizehn Mannschaften, doch zu Beginn der WM kreuzte Österreich nicht auf. Just am 13. (!) März 1938 wurde der Ständestaat von Nazi-Deutschland annektiert, das Bedürfnis eine rot-weiß-rote Nationalmannschaft zu haben wurde bedeutungslos. Die NS-Parteiführung verlangte die Eingliederung österreichischer Kicker ins deutsche Team, Teamchef Herberger war gegen diesen Vorschlag, musste sich aber fügen. So wurde aus zwei Favoriten nicht ein „doppelt“ so guter Anwärter auf den Titel, sondern ein nicht-eingespielter Haufen, in dem Spieler an falschen Positionen eingesetzt wurden.

Die übrige Qualifikation geriet zur Farce: Argentinien verzichtete beleidigt auf eine Teilnahme und Brasilien fuhr so als einziger Vertreter Südamerikas nach Europa. Auch Kolumbien, Costa Rica, MexikoEl Salvador und Niederländisch-Guayana entschlossen sich ebenso wie die USA dem Turnier fernzubleiben. So kamen Kuba und Niederländisch-Indien (das heutige Indonesien), das ebenfalls nicht gegen Japan antreten musste, zu ihrer WM-Premiere.

Nachdem Österreichs Platz weggefallen war, bot die FIFA England an an der Endrunde teilzunehmen: Die Briten lehnte jedoch ab. Herberger, der mit seinen DFB-Jungs auf Manndeckung und lange Pässe setzte, erschien es unmöglich die „schlampigen Genies“ aus der „Ostmark“ ins Team zu integrieren. Austria-Legende Sindelar lehnte vermutlich aus charakterlichen Gründen eine Einberufung ins WM-Aufgebot ab. Offiziell gab der „Papierne“ an, zu alt zu sein.

Schweizer Freude von kurzer Dauer

Quer durch Frankreich sollten die Spiele ausgetragen werden: Von Le Havre bis Toulouse und von Lille bis Marseille. Den erprobten Modus aus Italien behielten die Veranstalter bei: K.O.-Spiele mit 30-minütiger Verlängerung und acht gesetzten Teams, denen die Gegner zugelost wurden. Das Elfmeterschießen war nach wie vor nicht in Gebrauch, man setzt daher auf Wiederholungsspiele, von denen es bei dieser WM drei gab.

Die Schweden überstanden das Achtelfinale ohne zu spielen, Gegner Österreich war ja bekanntlich „zuhause geblieben“. Im Viertelfinale gelang den Nordeuropäern dann mit einem 8:0 über Kuba ein Kantersieg. Das Eröffnungsmatch in Paris wurde zur ersten Sensation dieser Endrunde: Karl Rappan, Nationaltrainer der Schweizer und gebürtiger Wiener, hob zwar beim „Deutschlandlied“ den rechten Arm zum Hitlergruß, sein Team verhielt sich im Match aber gar nicht unterwürfig. Rappans „Schweizer Riegel“ zog der Mannschaft des Deutschen Reichs den Zahn: Die Eidgenossen konnten dem Gegner ein 1:1 abtrotzen.

In Rappans System zog sich das Team weit zurück, die Halbstürmer wurden so zu Außenverteidigern und der Libero war geboren, da die ursprünglichen Verteidiger jetzt hintereinander spielten. Der Wiener verlegte „seine“ Schweizer aufs Kontern und hatte mit dieser Taktik Erfolg, wie er anders kaum möglich gewesen wäre: „Man kann eine Mannschaft unter zwei Gesichtspunkten zusammenstellen. Entweder man hat elf Individuen, die mit ihrer Klasse und ihrem Talent stark genug sind, um den Gegner zu besiegen. Brasilien wäre ein Beispiel. Oder man hat elf durchschnittliche Fußballer, die in ein bestimmtes Konzept, einen Plan, integriert werden müssen.“, gab Trainer Rappan bereitwillig zu.1954 stelle der Wiener so das vermutliche beste Schweizer WM-Team zusammen.

Die französischen Zuschauer waren damals auf der Seite der Eidgenossen und bewarfen die Spieler des „Erbfeindes“ mit Eiern und Paradeisern. Im Wiederholungsspiel konnten die Schweizer die stark veränderten Deutschen dann mit 4:2 nachhause schicken. Auch für die Österreicher Skoumal, Raftl, Schmaus, Hahnemann, Pesser, Mock, Stroh und Neumer war das Abenteuer Weltmeisterschaft damit im Achtelfinale zu Ende. Ihnen war das „deutsche System“ aufgezwungen worden und man hatte sie gegen ihre natürlichen Fähigkeiten und Talente eingesetzt.

Das Schweizer Überraschungsteam scheiterte daraufhin im Viertelfinale an Ungarn, während Brasilien die Tschechoslowakei knapp im Wiederholungsspiel besiegte. Italien beendete dagegen mit einem 3:1 die WM-Träume Frankreichs.

Im Halbfinale konnten sich Italien und Ungarn gegen ihre Gegner Brasilien und Schweden durchsetzen. Brasilien musste im vorletzten Spiel auf seinen Star Leonidas verzichten und kam so nicht gegen die Squadra Azzurrra an. Ein Anschlusstor in der 87. Minute konnte das Ausscheiden der Südamerikaner nicht verhindern, mit einem 2:1 verloren sie in Marseille das Semifinale. Das Spiel um Platz drei gegen die Schweden drehte der wieder eingesetzte Leonidas allerdings mit zwei Toren zu Gunsten der Seleção. Mit einem 4:2-Sieg wurden die Brasilianer Dritter der WM 1938.

Due Titoli

Somit stand der Titelverteidiger Italien im Finale gegen Ungarn. Der Weltmeister von 1934 ging als Favorit ins Spiel und wurde diesmal auch ohne Schiedsrichterhilfe ein gebührender „Champion du Monde“. Die Azzurri gingen nach sechs Minuten in Führung und spielten die Partie nach dem Ausgleich souverän und clever vor 55.000 Zuschauer nachhause. Am Ende stand ein 4:2-Sieg mit zwei Treffern des besten Italieners Piola.

Der beste Spieler des Turniers kam aber weder aus Italien noch aus Ungarn: Mit José Leônidas da Silva war der Erfinder des Fallrückziehers in Frankreich zu Gast. Er führte die Seleção durch das Turnier und wurde mit sieben (nach anderen Quellen: acht) Treffern Torschützenkönig. Legendär ist dabei das Achtelfinale gegen Polen, wo er nicht nur den 6:5-Siegtreffer in beeindruckender Manier erzielte (Sololauf vom Mittelkreis), sondern auch teilweise barfuß spielte.  Der Ungar Gyula Zsengellér schoss im gesamten Turnier 10 Tore, war somit der erfolgreichste Kicker der Endrunde inklusive der Qualifikation und hatte maßgeblichen Anteil am Erfolg der Osteuropäer. Italiens Teamchef Pozzo konnte erfolgreich den Titel verteidigen, neben Piola baute er auch auf den Triestina-Stürmer Colaussi. Meazza, der einzige Akteur aus der WM-Mannschaft von 1934, erwies sich als „Herz“ der Squadra Azzurra. Der Mittelstürmer stellte sich in den Dienst der Mannschaft und mutierte zum Vorlagengeber für Piola. So konnte sich der Mailänder ein Jahr vor seinem Rücktritt erneut zum Weltmeister krönen.

Wer hätte sich am Ende dieses Turniers denken können, dass nun zwölf Jahre lang keine Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden würde. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen ließen zunächst keine Auflage des Großereignisses zu. Erst 1950 sollte es wieder soweit sein, bis dahin konnte sich Italien Fußballweltmeister nennen. Während Europa in Schutt und Asche lag, spielte das jedoch nur eine geringe Rolle.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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