Die WM in Brasilien geht in die alles entscheidende Phase. Mit der Partie Brasilien gegen Deutschland wird heute das Halbfinale eröffnet, ehe morgen zwischen... Szenenanalyse: Vier taktisch interessante und symbolische Aktionen aus den WM-Viertelfinalspielen

Lionel Messi (Argentinien, FC Barcelona)Die WM in Brasilien geht in die alles entscheidende Phase. Mit der Partie Brasilien gegen Deutschland wird heute das Halbfinale eröffnet, ehe morgen zwischen Niederlande und Argentinien der zweite Finalist ermittelt wird. In diesem Artikel blickt abseits.at nochmal auf vier prägende Szenen aus den Viertelfinalspielen zurück.

Die Viertelfinalpartien brachten viel Gesprächsstoff mit sich. Da wären einerseits die Verletzungen der beiden südamerikanischen Stars Neymar und Angel Di Maria. Gerade der Ausfall des Brasilianers schlug hohe Wellen. Andererseits sorgten die knappen Spielausgänge – drei Spiele endeten mit einem Tor Unterschied, die vierte wurde erst im Elfmeterschießen entschieden – für die eine oder andere „Hättiwari“-Diskussionen. Wir wollen uns davon lösen und pro Partie eine symbolische Szene ansehen.

Deutschlands Antwort auf Frankreichs Pressing

Im ersten Viertelfinale setzte sich Deutschland gegen Frankreich mit 1:0 durch. Die Partie zeichnete sich dabei durch eine ständiges Hin und Her zwischen guten Pressingansätzen und ebenfalls guten Antworten darauf aus. Während die Franzosen in erster Linie mit Diagonalbällen hinter die Abwehr gefährlich wurden, zeichneten sich die Deutschen durch eine geduldigere Struktur im Aufbau aus. Sie lockten die gegnerischen Sechser gut nach vorne und kamen so oft in die Räume hinter der ersten Pressinglinie.

Ein wichtiger Faktor dafür, dass die Franzosen trotz ihres an und für sich guten Angriffspressings keinen Zugriff in der deutschen Hälfte hatten, war die Ballsicherheit der deutschen Aufbauspieler. Sowohl die beiden Innenverteidiger als auch Torhüter Manuel Neuer zählen in puncto Spielaufbau zu den Besten ihres Fachs. Im nachstehenden Video erkennt man die Probleme, die dadurch für die Franzosen entstanden.

Aufgrund dessen, dass Neuer weit aus dem Tor herausgerückt ist und aktiv am Spielaufbau teilnimmt, wird er von Karim Benzema bogenförmig angelaufen. Dadurch bekommt Mats Hummels jedoch viel Platz und kann den Ball nach vorne bringen. Daneben sind noch die Abläufe auf der linken Angriffsseite der Deutschen erwähnenswert. Die beiden Außenbahnspieler bewegen sich diametral und der linke Achter, Toni Kroos, zieht seinen Gegenspieler aus dem Zentrum. Damit ist der Passweg auf den zurückfallenden Stürmer frei. Deutschland nutzt dieses Dynamikpotenzial aber nicht entscheidend genug, sodass Frankreich umgehend wieder ins Pressing kommt und den Angriff unterbinden kann.

James Rodriguez‘ Umschalt-Solo gegen Brasilien

Einen äußerst emotionalen Moment erlebten die Zuseher in Fortaleza, wo nach dem Schlusspfiff trotz 1:2-Niederlage ein Kolumbianer gefeiert wurde: James Rodriguez. Schon in unserer Vorschau wurde der 22-Jährige als kommender Weltstar bezeichnet und er sollte diesem Ruf gerecht werden. Per Elfmeter erzielte er den Anschlusstreffer für sein Team und darf sich mit sechs Turniertoren noch Hoffnung auf den Titel des Torschützenkönigs machen. Das Spiel war für den technisch brillanten Zehner insofern schwer, weil es sehr hart geführt wurde. Alleine er wurde sechsmal gefoult. Dennoch konnte er die eine oder andere glanzvolle Aktion setzen, etwa in der 22. Minute.

Auf die Qualitäten als Nadelspieler sind wir bereits nach den ersten beiden Gruppenspielen eingegangen. In der obigen Szenen stellte er einmal mehr seine außerordentliche Pressingresistenz und Spielintelligenz unter Beweis. Nicht nur die Tatsache, dass er trotz des druckvollen brasilianischen Gegenpressings den Ball behaupten kann, ist beachtenswert, sondern vielmehr, dass er daraus einen Überzahlkonter einleitet. Rodriguez dreht sich zuerst nach außen um seinen Gegenspieler dorthin zu locken. Dieser folgt dieser Bewegung und ist dadurch außer Balance, als der Kolumbianer nach innen dreht. Noch interessanter ist dann das Überspielen des brasilianischen Sechsers, der sich prinzipiell gut verhält.

Rodriguez hätte zwei Anspielstationen: rechts Juan Cuadrado, links Victor Ibarbo. Zu Letzterem orientiert sich aber der rechte Innenverteidiger, weshalb der Sechser Cuadrado in den Deckungsschatten nimmt. Rodriguez legt daraufhin einen langsameren Schritt ein und läuft dann aber schnell geradeaus weiter. Genau diese Tempoverlagerung ist es, die Fernandinho aus dem Spiel nimmt. Er muss stehen bleiben und aus dem Stand beschleunigen, weshalb er nicht rechtzeitig zum Ball kommt. Die Art und Weise, wie der Konter zu Ende gespielt wurde, zeigt allerdings auch ein Manko der Kolumbianer an diesem Abend.

Lionel Messis Glanzpunkt in einer tristen Partie

Das Viertelfinalspiel zwischen Argentinien und Belgien war eine äußerst zähe Begegnung, in der weder fundamentale strategische Aspekte umgesetzt wurden, noch strukturierte gruppentaktische Abläufe zustande kamen. Dass selbst der 1:0-Siegtreffer ein Zufallsprodukt in Form eines abgelenkten Zuspiels war und durch die hohe individuelle Abschlussqualität von Gonzalo Higuain geprägt wurde, passt ebenfalls ins Bild. Für einen seltenen individuellen Glanzpunkt sorgte Lionel Messi – wer sonst?

Der Kapitän der Argentinier spielte in der 28. Minute einen perfekt getimten Pass auf den steilgehenden di Maria. Diese Perfektion äußerte sich in mehreren Punkten. Einerseits spielt Messi den Ball quasi aus dem Stand über eine Distanz von ca. 40 bis 50 Meter, andererseits sind sowohl Richtung als auch Tempo ideal gewählt. Der Ball läuft leicht bogenförmig zwischen zwei Belgier durch und um den letzten Verteidiger herum genau in den Lauf von di Maria. Genau so stark, dass dieser nicht nach außen korrigieren muss, der Belgier den Ball aber trotz seiner Größe dennoch nicht erreichen kann.

Diese Szene steht aber nicht nur stellvertretend für das Genie von Messi, sondern auch für die fehlenden bzw. schlechten gruppentaktischen Abläufe und Statik des Spiels. So ist das Herausrücken der drei Argentinier am Anfang der Szene strategisch nicht ideal und würde theoretisch gute Räume öffnen. Die Belgier positionieren sich aber derart schlecht, dass ein Pass nach vorne unweigerlich einem Ballverlust gleichkommt. Das defensive Umschaltspiel ist dann extrem behäbig. Alleine, dass man einen Weltklassespieler wie Messi dermaßen viel Zeit lässt einen Pass vorzubereiten, spricht Bände.

Niederlande kontert auch gegen Costa Rica

Der Niederlande traute man vor dem Turnier nicht viel zu, weshalb viele aufgrund des Halbfinaleinzugs überrascht sind. Louis van Gaals Strategieumstellung von einem offensiv ausgerichteten 4-3-3 zu einem defensiv orientierten 3-4-1-2 sollte sich bisher aber bezahlt machen. Während man in der Gruppenphase aufgrund der Gegner noch den Fokus auf die Defensive und das Konterspiel legen konnte, musste man in der KO-Phase aktiver auftreten. Eine der besten Chancen im Spiel gegen Costa Rica kam aber aufgrund der bekannten Muster per Konter zustande.

Die markantesten Merkmale der niederländischen Defensivordnung sind die freie Rolle eines Verteidigers, wodurch sichergestellt ist, dass man die „richtige“ ein-Mann-Überzahl in der letzten Linie hat, sowie ein hoher Mannfokus im Zentrum. Diese beiden Punkte erkennt man auch in der obigen Szene. Der rechte Halbverteidiger Stefan de Vrij rückt aus der Dreierkette heraus auf den angespielten Costa Ricaner, der anschließend nach hinten abdrehen muss.

Anstatt ihn an einen Mitspieler zu übergeben verfolgt de Vrij den Ballführenden weiter, während sich die beiden zentralen Mittelfeldspieler mannorientiert verhalten. Auslöser für dieses aggressive Nachsetzen des Gegenspielers ist, dass dieser sein Sichtfeld nach hinten hat. Die Anspielstationen nach vorne sind zugestellt, der Druck dementsprechend groß. Ein Rückpass ist die logische Folge und dementsprechend für die Niederländer leicht zu antizipieren. Zum Zeitpunkt des Abspiels sind diese deshalb so positioniert, dass sie den angespielten Gegenspieler sofort attackieren könnten. Dies ist jedoch gar nicht nötig, da die Ticos ohnehin einen Fehlpass spielen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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