Ich werde im Rahmen der UEFA Euro 2016 in Frankreich das österreichische Nationalteam begleiten. Der erste Stopp führt uns in den Südwesten Frankreichs nach... EM-Tagebuch aus Bordeaux (2): Der Spirit der EM übertrumpft die Enttäuschung über das Spiel
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Stadion Nouveau Stade de BordeauxIch werde im Rahmen der UEFA Euro 2016 in Frankreich das österreichische Nationalteam begleiten. Der erste Stopp führt uns in den Südwesten Frankreichs nach Bordeaux zum Spiel Österreich gegen Ungarn.

Die Anreise

Die Anreise erfolgte am Montag startend in Linz um 05:04 Uhr: Mit dem Zug nach München, anschließend mit dem Flieger von München nach Bordeaux via Madrid. Bereits am Flughafen München sah man viele Leute in roten Österreich-Trikots. Etwa 15 weitere Österreicher wählten dieselbe Route über Madrid nach Bordeaux, wo Österreich am nächsten Tag auf Ungarn treffen sollte.

Im Flugzeug hatten wir auch einen Überraschungsgast: Xabi Alonso von Bayern München flog samt Familie mit uns nach Madrid. Die Anreise gestaltete sich unproblematisch und gut organisiert: Am Flughafen Bordeaux wurde man von englischsprachigem Personal zu den richtigen Bussen Richtung Innenstadt geführt. Auch die Sicherheitschecks waren nicht aufwendiger als sonst, einzig der Reisepass wurde in Bordeaux nochmal extra kontrolliert. Danach ging es gleich in unsere airbnb-Unterkunft am Stalingrad-Platz, zentralgelegen in Bordeaux.

Der Spieltag

Nach einem Frühstück gegen 10 Uhr machte man sich in Rot-Weiß-Rot auf den Weg Richtung Altstadt. Dort trafen wir neben dem Dom gleich auf weitere sympathische Österreicher und wir beschlossen gleich hier halt zu machen. In diesem kleinen, urigen Lokal mit Sitzmöglichkeiten im Freien wurden die ersten Biere geordert. Für uns Österreicher ist der Bier-Preis in Frankreich „etwas“ höher: In Lokalen und Pubs zahlt man meistens zwischen 6 und 8 € für 0,5 Liter des köstlichen Hopfensaftes.

Man hatte den ganzen Tag den Eindruck mehr Österreicher als Ungarn zu sehen. Aber alles war sehr freundschaftlich und friedlich: Man sang miteinander, hatte Spaß und machte das eine oder andere gemeinsame Foto. Leider musste man auch einige Stiegl-Fahnen erblicken. Die Ungarn meinten sie wären mit einem Punkt heute schon mehr als zufrieden. Kleines Detail am Rande: Ungarn war zum letzten Mal 1972 bei einer EM, und die Ungarn scherzen darüber, dass sie schon 44 Jahre unbesiegt sind.

Gegen 15 Uhr ging es dann Richtung Stadion. Trotz Streiks fuhr eine Linie direkt zum Stadion. Schon die Fahrt mit der Straßenbahn war fantastisch, abwechselnd stimmten Österreicher und Ungarn Fanlieder an. Einen gemeinsamen Treffpunkt oder Corteo/Marsch gab es nicht, da dies seitens der UEFA oder Frankreichs bereits im Vorfeld verboten wurde. Jeder war gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Match. Auch hier waren die Sicherheitskontrollen am Eingang sehr lasch, kurzes Abtasten, keine Kontrolle des Reisepasses oder des Namen auf den Tickets.

Das Match

Bereits eine Stunde vor Anpfiff war das Stadion gut gefüllt und erste Lieder wurden angestimmt. Als die Mannschaft das Spielfeld betrat, wurde es zum ersten Mal so richtig laut im Stadion. Den Spielern wurde nochmal eine letzte Motivation eingeimpft. Geholfen hat es nicht viel, wie sich später herausstellen sollte. Das neue und sehr moderne Stadion in Bordeaux war wirklich beeindruckend, auch die Akustik wirkte sehr gut. Andy Marek war auch als Stadionsprecher mit von der Partie. Österreich war im Stadion klar in der Überzahl.

Support-technisch waren die Ungarn allerdings besser. Trotz des großen Anlasses konnte man selten alle Leute im Österreicher-Block mitreißen. Österreich hatte zu Beginn des Spiels eine Choreographie mit rot-weiß-roten Fahnen vorbereitet. Optisch war das sehr ansprechend. Zum Spiel muss ich hier wohl keine Worte verlieren…

Der Schmerz der Niederlage war groß, aber den sympathischen Nachbarn konnte man deswegen auch nicht wirklich böse sein. Per Straßenbahn ging es anschließend wieder zurück in die Innenstadt. Rund um das gesamte Match blieb die Stimmung freundschaftlich und fair und es gab keinerlei Zwischenfälle.

Der EM-Spirit

Nach dem Spiel wollte man sich in einem der zahlreichen Pubs in der Innenstadt treffen („The House of Parliament“), um sich noch das Spiel der Gruppengegner anzusehen. Hier war im Pub und auf den Straßen schon wieder die Hölle los: Es wurde getanzt, gesungen und gegrölt. Der Spirit, der ein solches Großereignis ausmacht, war zum Greifen nah: Gemeinsam mit Ungarn, Walisern, Engländern und Franzosen wurde bis spät in die Nacht gefeiert und gesungen, die Straßen von Bordeaux waren voll von fanatischen Fußballfans. Jeder wollte hier ein Fest feiern. Man sang gemeinsam „Ria Ria Hungaria“ oder auch „David Alaba shalala“.

Auch ein sehr schöner Moment, als zuerst die Ungarn, dann die Franzosen und die Österreicher ihre Nationalhymne sangen, und jeder applaudierte. Dieser Austausch zwischen so vielen Nationalitäten, das macht für mich den Charme eines solchen Turniers und des Fußballs im allgemeinen aus. Wir alle haben eines gemeinsam: Wir sind fußballverrückt. In diesem Sinne möchte ich meinen ersten Reisebericht mit einem Chant abschließen, welcher gestern sehr oft gesungen wurde, und wohl treffender nicht sein könnte:

„Don’t take me home please, don’t take me home, I just don’t wanna go to work. I wanna stay here and drink all the beer, please don’t take me home.”

Harald Holzmann aus Bordeaux für abseits.at

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Harald Holzmann