2:0 geführt, Chancen auf das dritte Tor ausgelassen – und damit die Austria wieder zum Leben erweckt. So lässt sich das gestrige Wiener Derby... 2:2 im Derby: Rapid presst perfekt – und scheitert am Ende an sich selbst

2:0 geführt, Chancen auf das dritte Tor ausgelassen – und damit die Austria wieder zum Leben erweckt. So lässt sich das gestrige Wiener Derby in Hütteldorf aus Sicht des SK Rapid zusammenfassen. In mancherlei Hinsicht war das Spiel ein Fortschritt für Grün-Weiß, in mancher jedoch nicht.

Goran Djuricin schickte seine Mannschaft in einer zu erwartenden 4-2-3-1-Formation auf den Platz. Joelinton kehrte von seiner Rotsperre zurück und spielte als Solospitze vor einer extrem umtriebigen offensiven Dreierreihe. Die Austria setzte ebenfalls ihre „logische“ Aufstellung entgegen, Fink entschied sich für den körperlich stärkeren Friesenbichler als Angreifer und somit gegen Monschein.

Pressingfokus bei Rapid

Rapid spielte clever, überließ der Austria häufig den Ball, dominierte dennoch. Wie schon in den bisherigen Saisonspielen war der Hauptfokus der Hütteldorfer das intensive Pressing im letzten Drittel. Diesbezüglich kann man Woche für Woche Verbesserung erkennen, etwa was das Nachschieben der nächsten pressenden Akteure aus dem zweiten Drittel betrifft.

Gezieltes Anbohren der möglichen Austria-Schwachstellen bzw. Stärken

Wenn die Austria das Spiel aufbaute, kümmerte sich stets ein Rapid-Spieler darum, den weiterhin formschwachen Austria-Abkipper Tarkan Serbest zuzustellen. Auch um den etwas offensiver ausgerichteten Holzhauser kümmerte man sich zumeist schnell. Vor allem aber legte Rapid seinen Angriffsfokus etwas stärker auf die rechte Seite, wo bei der Austria der im Gegensatz zu Larsen als schwächer einzuschätzende Martschinko verteidigte. Gerade auf dieser Seite rochierten mit Murg und Schaub zwei auffällige Akteure, um immer wieder die Ordnung der Veilchen zu stören.

Auer und Murg wieder wichtige Akteure im Rapid-Pressing

Das Pressing der Hütteldorfer funktionierte weitgehend sehr gut. Angetrieben wurde es aus tiefer Position vom erneut starken Stephan Auer, auf höherer Position speziell von Thomas Murg, der seine Leistung vom St.Pölten-Spiel bestätigte und auch im Derby extrem hohen Aufwand betrieb. Murg ist einer derer, denen man bereits körperliche Fortschritte anmerkt. Aber das Training des neuen Athletiktrainers Toni Beretzki fruchtete offensichtlich auch beim ebenso umtriebigen Andreas Kuen und Louis Schaub.

Mannschaftlich geschlossenes Pressing

Die offensive Dreierreihe Rapids wirkte auch als Team sehr stark und nahm sich durch den gemeinsamen Aufwand durchaus Arbeit ab. Dadurch wirkte das Pressing Rapids energisch und konnte sogar bis zum Gegentreffer aufrechtgehalten werden. Joelinton gab offensiv durch seine Ballsicherheit und die Möglichkeit durch Dribblings dem Spiel sowohl Breite, als auch Tiefe zu geben, Balance. Die defensive Balance stellte Schwab her, der sich am höheren Pressing wenig beteiligte und eher den absichernden Part gab, während Auer etwas höher für mehr läuferischen Betrieb sorgte.

Austria beim 2:0 gezielt zu Fehlern gezwungen

Beim zweiten Treffer sah man die Möglichkeiten, die Rapid durch diesen starken Pressingfokus hat, sehr gut. Stück für Stück wurden die Mannschaftsteile der Austria so stark unter Druck gesetzt, dass sie praktisch Fehler machen mussten. Angefangen bei Westermann, weitergeführt bei Serbest – und die homogenen Durchschnittspositionen der offensiven Dreierreihe ermöglichten es schließlich sogar noch, dass Schaub zum Abschluss kam. All das initiiert durch hohes Anlaufen der gerade aufbauenden Austria-Abwehr durch den nominellen Sechser Rapids.

Intensität aufrechterhalten

Das ist ein Stilmittel, das Rapid in der heimischen Bundesliga enorm weiterhilft. Damit nutzen die Hütteldorfer die Aufbauschwäche bzw. technische Unzulänglichkeiten des Gegners. Wenn Rapid diese Pressingintensität gegen alle Gegner der Liga aufrechterhalten kann, wird diese den Grün-Weißen noch sehr viele Punkte bescheren. Immerhin zeigten sich die Vorzüge dieses intensiven Pressings nun auch schon gegen eine verhältnismäßig aufbaustarke Mannschaft, wie die Austria.

Knackpunkt

Was nach dem 2:0 passierte, offenbarte aber auch die bestehenden Probleme der Hütteldorfer. Thorsten Fink brachte nach einer Stunde mit Dominik Prokop einen Zehner anstelle des abkippenden Sechsers Tarkan Serbest. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als Rapid bereits mit 2:0 führte. Die Heimmannschaft vergab zudem eine Topchance auf den dritten Treffer, als Joelinton Holzhauser den Ball abluchste, aber selbst abschloss, anstatt auf den mitgelaufenen Pavelic querzulegen. Ein Schlüsselmoment im Spiel.

Sicherheitsdenken über den Haufen geworfen

Gerade weil Rapid wie im Rausch wirkte und weiterhin wie verrückt presste, arbeitete man irgendwann in die falsche Richtung. Djuricin ging auf ein „öffentlichkeitswirksames“ drittes Tor, auch wenn er mit dieser Idee prinzipiell nicht falsch lag. Die Austria zeigte praktisch keine Lebenszeichen, wäre eigentlich fällig für den dritten Gegentreffer gewesen. Gleichzeitig vergaß Rapid aber auf die möglicherweise nötige Absicherung. Anstelle des körperlich stark geforderten Murg kam Keles. Rapid setzte auf die Möglichkeit weitere Konter zu fahren – und entschied sich damit bei einem Zwei-Tore-Vorsprung gegen Sicherheit.

Einzelaktion bringt Rapid ins Straucheln

Djuricin hätte absichernde Optionen für die Schlussviertelstunde gehabt. So zum Beispiel hätte die Einwechslung von Steffen Hofmann die ohnehin platten Veilchen körperlich mehr gefordert. Selbst die Einwechslung von Maximilian Hofmann wäre in dieser Lage legitim gewesen. Aber unmittelbar nachdem Keles auflief kippte Rapid aufgrund einer gegnerischen Einzelaktion. Praktisch die komplette Abwehr leistete Felipe Pires auf der rechten Abwehrseite Geleitschutz und der eingewechselte Prokop, der wieder Elan ins Spiel der Austria brachte, erzielte den Anschlusstreffer.

Rapid scheitert an mentalem Problem

Eine Unachtsamkeit warf Rapid also völlig aus der Bahn. In den folgenden Minuten wachte die Austria weiter auf und kam tatsächlich noch zum Ausgleich. Rapid hatte das Spiel aus der Hand gegeben und scheiterte am Ende – nach einer tadellosen Partie – an mentalen Problemen. Einerseits wurde die Mannschaft durch In-Game-Coaching nicht ausreichend unterstützt, andererseits schaffte sie es nach dem 1:2 nicht mehr, sich selbst aus dem drohenden Schlamassel zu ziehen.

Kopf freibekommen, effizienter werden

Unterm Strich stehen für Rapid zwei verlorene Derbypunkte. Und für die Austria eine neuerliche Selbstvertrauensspritze. Noch immer warten die Veilchen in der Liga auf den ersten Saisonsieg, aber das Remis im Derby kann für die kommenden Wochen einiges zum Positiven verändern. Langsam aber sicher werden auch die Favoritner in die Spur finden. Und Rapid? Im Grunde muss man einfach so weiterspielen, dann kommen die Siege von alleine. Spielerisch sind die Hütteldorfer sehr solide, das sehr starke Pressing zeigt mittlerweile auch effektive Wirkung – aber im Kopf sind die Spieler weiterhin nicht hundertprozentig frei. Diesen freizubekommen – und zudem noch die eine oder andere Topchance cooler zu verwerten – sind die Schlüssel auf dem Weg zu einer erfolgreichen Saison.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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