Letztlich dauerte es bis zum 33. Spieltag, dass der Kapfenberger SV 1919 als Fixabsteiger feststand. Thomas von Heesen konnte das sinkende Schiff nicht mehr... Saisonrückblick: Der Abstieg des Kapfenberger SV und das Scheitern des „Systems Agenturspieler“

Letztlich dauerte es bis zum 33. Spieltag, dass der Kapfenberger SV 1919 als Fixabsteiger feststand. Thomas von Heesen konnte das sinkende Schiff nicht mehr vor dem Untergang retten und die Obersteirer müssen nach fünf Jahren wieder den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Kader und Transfers

Im Sommer sah es noch so aus, als würde Werner Gregoritsch seinen Weg fort setzen. Es kamen einerseits erfahrene Österreicher wie Dominique Taboga (28, Tromsö IL) oder Mark Prettenthaler (28, SV Ried), andererseits junge Österreicher aus unteren Ligen oder dem Ausland – Marco Sahanek (21, WAC), Marc Sand (23, Bayer Leverkusen II), Dieter Elsneg (21, Frosinone Calcio). Der als Schleifer bekannte Coach wollte mit denselben Tugenden – sichere Defensive, Konter, robustes Auftreten – diesmal eine spielerische Note setzen. Nachdem der KSV aber seit dem 10. Spieltag vom letzten Platz nicht mehr wegkam, entschied das Präsidium, Gregoritsch zu entlassen und mit Thomas von Heesen einen Deutschen zu holen, dem mehr taktisches Verständnis und dasselbe Maß an Härte zugetraut wurde.

Von Heesen baute den Kader komplett um und holte eine lange Liste an Agenturspielern, die den Klassenerhalt hätten schaffen sollen. Gregoritsch wurde sein antiquiert-autoritärer Führungsstil zum Verhängnis, dem Deutschen sein für Abstiegskandidaten ebenso unaktuelle Transferpolitik. Sieben Legionäre und der du zuletzt vereinslose Sanel Kuljic schienen neu im Kader auf. Zwar zeigten vor allem Gerson (19, Botafogo) und Florin Lovin (30, Kerkyra) auf, aber die Hamsterkäufe sind auch im Jahr 2012 nicht das Mittel, um die Klasse zu halten. Es ist zwar nachvollziehbar, sich zwei, drei stabilisierende Kräfte in eine wacklige Defensive zu holen, aber nicht gleich so gut wie eine ganze Mannschaft. Es sei denn natürlich, man möchte sich längerfristig aus dem Profifußball zurückziehen.

Guter Beginn, dann Talfahrt, Stabilisierung, Trainerwechsel

Der KSV startete recht ansprechend in die Saison und stand am dritten Spieltag sogar auf dem dritten Platz. Danach folgten aber fünf Runden mit zum Teil hohen Niederlagen. Gegen Austria, Rapid und Red Bull setzte es deutliche Klatschen, auch eines der insgesamt acht Entscheidungsspiele gegen die eher als Abstiegskandidaten angesehenen Neustädter und Mattersburger ging verloren. Mit dem 1:0 gegen die Burgenländer wurde das erste Saisonviertel abgeschlossen. Die Leistungen wurden dann etwas stabiler, Auswärtsniederlagen gegen Innsbruck und Neustadt folgten Heimremis gegen die Admira und die Austria. Nach der 15. Runde und einer Heimniederlage gegen Ried war dann aber Schluss. „In den Partien davor gegen die Austria und Sturm Graz haben wir uns gut präsentiert, aber gegen Ried haben grundlegende Dinge nicht gepasst“, so Präsident Erwin Fuchs. Eine befreit nach vorne spielende Falken-Elf unter Interimstrainer Manfred Unger wurde von den Bullen in Siezenheim mit 0:6 deutlich und zu hoch geschlagen.

Von Heesen, übernehmen Sie!

Am 22. November verlautbarten die Kapfenberger, dass mit Thomas von Heesen der Klassenerhalt geschafft werden sollte. Der Happel-Schüler, der als Trainer bei Arminia Bielefeld, dem 1. FC Saarbrücken, dem 1. FC Nürnberg und Apollon Limassol gearbeitet hatte, sollte mit deutscher Tüchtigkeit den Klassenerhalt schaffen. Als von Heesen übernahm, hatte der KSV lediglich vier Zähler Rückstand auf den SV Mattersburg. In den letzten drei Spielen konnte immerhin ein 0:0 daheim gegen Rapid erreicht werden und die Spielanlage vor allem aus der Defensive heraus modernisiert werden. Gegen den SVM wurde aber trotzdem verloren, weswegen man mit einem Rückstand von sieben Punkten nach 19. Runden in die Winterpause ging. Wie Eingangs erwähnt krempelte der Deutsche den Kader kräftig um. Nach der Auftaktniederlage gegen die Admira folgten aber tatsächlich noch drei Runden ohne Niederlage. Siege gegen Neustadt und die Austria sowie ein Unentschieden im Derby gegen Sturm Graz blieben allerdings unbelohnt. Der Rückstand auf den SC Wiener Neustadt an der neunten Stelle betrug nach wie vor sieben Punkte.

Mit Anstand untergehen

Anstatt mit jungen Österreichern den Neustart in Liga zwei zu versuchen, verloren eben die neu geholten Legionäre munter Spiel um Spiel und ließen den Rückstand auf zwölf Zähler am 30. Spieltag anwachsen. Unentschieden gegen Mattersburg und Neustadt waren zuwenig, aber rechnerisch war der Klassenerhalt sogar noch schaffbar. Nach einem Heimsieg gegen die inferioren Veilchen schöpften die Falken noch kurz Hoffnung, am 33. Spieltag wurde, trotz 0:0 gegen die SV Ried, der Abstieg bittere Realität.

Taktikspiele

Bereits gegen Ende der letzten Saison hatte Gregoritsch mit Adaptierungen seines 4-5-1 experimentiert, weg vom 4-1-4-1, das einige Zeit lang erfolgreich gespielt wurde. Nachdem sich ein 4-4-2 mit einer Doppelsechs als ungenügend herausgestellt hatte, lief der KSV zu Beginn der Spielzeit im 4-2-3-1 auf. Das Herzstück dieses Systems bedachte der Coach aber nicht. Durch den großen Abstand zwischen offensiven und defensiven Außenbahnspielern, müssen die Verteidiger mehr und intensiver laufen, dafür war aber deren Spielanlage über weite Strecken zu sehr im Stile einer Viererkette der 90er-Jahre. Dadurch konnten starke Gegner immer wieder in die freien Räume stoßen. Auch die zwei Sechser, die hier aushelfen hätten können, blieben zu oft in der Mitte. Dies verlangsamt wiederum den Aufbau, da sich zu viele Falken auf die Krallen stiegen, wenn von hinten raus gespielt werden sollte.

Diesen Fehler korrigierte von Heesen, erklärte den Spielern vor allem in der Defensive, wie Innenverteidiger im Spielaufbau auseinanderziehen sollten, wie Außenverteidiger vorspielen sollten. Er griff auch nicht auf ein starres System zurück, sondern experimentierte mit unterschiedlichen Varianten vor der Viererkette. Doch die zwei im zweiten Absatz erwähnten „guten“ Neuzugänge konnten nicht aufwiegen, dass die Qualität der restlichen Neuzugänge nicht stimmte. Die Spieler konnten nie in eine Art „Wohlfühlphase“ kommen, auch, weil es kaum Kontinuität gab. Von Heesen setzte 36 verschiedene Spieler in den Spielen ein – andere Bundesligisten haben einen Kader, der aus zehn Mann weniger besteht. Und, so hart muss es gesagt werden, die Hypothek war mit vier Zählern Rückstand auf den rettenden neunten Platz nicht so hoch, dass zwischenzeitlich zwölf daraus werden müssten.

Moment der Saison

Kapfenberger SV gegen Austria Wien, 31. Runde, 89. Minute. Die Falken bekamen einen Elfmeter zugesprochen und Nathan Junior, der zweifache lettische Torschützenkönig trat an, wendete aber den Blick vom Tor ab. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist bekanntermaßen eine unklar definierte – der Brasilianer vergab.

Fazit

Im Sinne des Fußballs ist es angenehm, dass der Aktionismus des Präsidenten keine Früchte trug. Der Trainer hat so manchem österreichischen Kollegen wohl einiges voraus, sollte er den Gang in die Zweitklassigkeit antreten dürfen oder wollen, kann mit ihm etwas entstehen. Aber die Bundesligavereine erteilten dem wilden Zusammenkaufen von Agenturspielern im Abstiegskampf eine Absage. Und das ist gut so.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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