Im vierten und letzten Teil unserer Teaminfo über Bayer 04 Leverkusen behandeln wir die taktischen Einzelheiten und Auffälligkeiten, die den Vorjahresfünften der deutschen Bundesliga... Enorm stark im Pressing, aber Mängel im Umschaltspiel: Taktische Details zu Bayer 04 Leverkusen

Im vierten und letzten Teil unserer Teaminfo über Bayer 04 Leverkusen behandeln wir die taktischen Einzelheiten und Auffälligkeiten, die den Vorjahresfünften der deutschen Bundesliga auszeichnen. Dabei betrachten wir die Stärken und Schwächen des Teams im Bezug auf Pressing, Umschaltspiel, Standardsituationen und Spielverlagerungen.

Das System der Leverkusener ist ein 4-3-2-1 mit starker Rechtslastigkeit, weil viel über Daniel Carvajal geht. Die Außenspieler agieren dabei sehr asymmetrisch: Schürrle ist beispielsweise eher ein verkappter Stürmer und hat eine stärkere Freirolle, Bellarabi dient zum Kombinationsspiel und ist eher ein Flügelspieler. Obwohl sie nominell eine enorme zentrale Kompaktheit besitzen, kommen sie verstärkt über die Seiten. Die Mittelfeldspieler von Bayer 04 sind nur mittelmäßig kreativ, dafür aber enorm lauffreudig und defensiv stark.

Leverkusen ändert in der Spieleröffnung die Formation

Bereits in der Spieleröffnung versuchen die Leverkusener die gegnerische Formation zu zerstören, indem sie ihre eigene Formation verändern. Die Außenverteidiger orientieren sich stark an der Außenbahn und sehr hoch nach vorne, wodurch die gegnerischen Spieler nach hinten geschoben werden sollen. In einem beispielhaften 4-4-2 haben die Flügelstürmer dann keine Bindung zu den Mittelstürmern, was das Pressing schwierig macht.

Sehr variabel in der Dreierreihe

Die Dreierreihe im Mittelfeld hat dann ebenso interessante dazu passende Aspekte:  Zentral kann sich Rolfes oder auch Reinartz, der auch oft auf dieser Position zum Einsatz kam, fallen lassen, wodurch eine situative Dreierreihe entsteht oder er durch seine Tiefe zumindest ein Dreieck mit den Innenverteidigern entstehen lässt. Leverkusen wird auch sehr variabel, weil die Außenverteidiger sofort nach dem Pass aufrücken können, weil der Absicherungsspieler bereits in der Nähe ist. Wird der Außenverteidiger gedeckt oder ist verhindert (beispielsweise bei einem Konter), kann auch der Halbspieler des Mittelfelds aufrücken.

Wollscheid als besserer Aufbau-Verteidiger

Philipp Wollscheid spielt als halbrechter Innenverteidiger und Ömer Toprak als halblinker. Normalerweise ist Wollscheid etwas stärker spielgestalterisch tätig und eröffnet das Spiel stärker auf links, was der Asymmetrie mit dem sehr offensivstarken Daniel Carvajal sowie dem einrückenden Stürmer Andre Schürrle entgegen kommt.

Aus 4-3-2-1 mach 2-5-2-1

Aus dem etatmäßigen 4-3-2-1 wird im Aufbauspiel somit ein 2-5-2-1 oder ein 2-1-4-2. Der Gegner muss sich anpassen und wird oftmals auf dem falschen Fuß erwischt. Steht der Gegner mit einem defensivkompakten 4-4-2 da, dann stellen sich die Leverkusener im 4-3 vor der gegnerischen Viererreihe des Mittelfelds auf.

Variables und starkes Pressing

Die größte Stärke dieses Systems mit dieser Spielerverteilung, wenn es konstant ordentlich bespielt wird, ist das Pressing. Mit dem 4-3-2-1 können unterschiedliche Formationen, je nach Gegner, adaptiert werden: Eine Beibehaltung des 4-3-2-1, in welchem das gegnerische Aufbauspiel auf die Außen geleitet und dort dann gepresst wird, ist die häufigste Lösung. Der Gegner hat keinen Zugriff auf die Mitte und wird meist im Übergang vom ersten Drittel ins zweite attackiert. Eine andere Möglichkeit ist ein 4-3-3 mit erhöhter Kompaktheit zwischen den ersten zwei Bändern. Es gibt eine flache Drei im Mittelfeld und im Angriff. Die gegnerischen Außenverteidiger werden früher gepresst, wodurch der Gegner zu weiten Bällen greifen muss. Das 4-3-3 wird verstärkt im Angriffspressing und Mittelfeldpressing genutzt. Eine letzte Alternative, die selten, aber doch, praktiziert wurde, ist ein 4-1-4-1. Die Flügelstürmer lassen sich ins Mittelfeld zurückfallen, der zentrale Sechser agiert etwas tiefer und sichert dahinter ab.

Schwachpunkt Umschaltspiel

Einer der schwächeren Aspekte der Leverkusener ist das Umschalten. Dies ist nicht alleine an den Spielern festzumachen, sondern an vielen taktischen Ursachen. Ein wichtiger Punkt ist natürlich das Aufrücken der Außenverteidiger – offensiv wie defensiv. Sie dienen offensiv als wichtige Kombinationspartner. Wenn Leverkusen tief steht und dann kontert, fehlt es an diesem Kombinationspartner, weil die Wege lang sind. Mit Schürrle und Castro auf links und Bellarabi auf rechts gibt es hervorragende und überaus schnelle Spieler, welche diesen Nachteil auch auf hohem Niveau wettmachen, dennoch bleibt es ein Manko, weil diese Konter in Unterzahl ausgeführt werden. Sie wirken auch improvisiert, können aber unter Umständen dennoch sehr gefährlich werden.

Auch im defensiven Umschalten Mängel

Doch auch im defensiven Umschaltspiel entstehen wegen der hohen Außenverteidiger Probleme: Es sind Löcher offen, welche schnell bespielt werden können. Dazu kommt, dass die Halbspieler des Mittelfelds ebenso weit mit nach vorne gehen und teilweise sogar der zentrale Akteur. Bei Kontern ist somit der Raum zwischen den Linien und die Außenbahn offen, wenngleich Wollscheid und Toprak dies im Verbund mit dem ballfernen Außenverteidiger und Sechser relativ gut schließen. Die defensive Arbeit in den spielentscheidenden Sekunden nach Ballverlust von den Stürmern ist jedoch schwach: Gegenpressing wird selten praktiziert. Die Flügelstürmer helfen zwar im Spielverlauf hinten, benötigen jedoch zu lange, um nach hinten zu kommen. Oftmals wirkt es wie eine Teilung von sieben defensivorientierten und drei freien Spielern, wobei Bellarabi deutlich besser mit nach hinten arbeitet, als Schürrle und Augusto, welche beide sehr oft und sehr stark mittig zu finden sind.

Die letzten drei Aufstellungen von Bayer 04 Leverkusen

Rene Maric, abseits.at

Das vierteile Portrait über die aktuelle Mannschaft von Bayer 04 Leverkusen wurde von Daniel Mandl und Rene Maric zusammengestellt. Eine noch wesentlich ausführlichere Abhandlung, speziell über taktische Einzelheiten, wurde exklusiv als Service an den SK Rapid Wien weitergegeben!

Rene Maric