In Hans Krankls zweiter Saison als Trainer wurde gegen die „Millionäre aus Mailand“ Fußballgeschichte geschrieben. In einem legendären Match rangen sie Inter unter der... Nostalgie: Der Tag, an dem Rapid Inter Mailand niederkämpfte – die Taktikanalyse

In Hans Krankls zweiter Saison als Trainer wurde gegen die „Millionäre aus Mailand“ Fußballgeschichte geschrieben. In einem legendären Match rangen sie Inter unter der Leitung von Startrainer Giovanni Trapattoni in die Knie.

Rapids Aufstellung

Rapid begann mit Michael Konsel im Tor hinter Reinhard Kienast als aufrückendem Libero, während Robert Pecl und Andreas Poiger die Manndeckerpositionen übernahmen. Sie orientierten sich an den jeweiligen Gegenspielern, wobei sich der halbrechts spielende Pecl bevorzugt an Jürgen Klinsmann orientierte, während Aldo Serena von Poiger übernommen wurde.

Auf den Positionen der Flügelverteidiger in diesem 3-5-2/3-4-3-System begannen Helmut Hauptmann und Andreas Reisinger. Letzterer spielte rechts und zeigte sich variabel, zog öfters auch in die Mitte, Hauptmann hingegen hatte eine relativ geradlinige Rolle und wurde später für Franz Weber ausgewechselt. Trainer Hans Krankl sprach über einen taktischen Wechsel, weil auf Inters linker Seite weite Räume offen waren und er deswegen einen offensivstärkeren Mann brachte.

Zentral gab es eine Doppelbesetzung mit Peter Schöttel als Vorstopper und Sechser, welcher sich spielintelligent positionierte, Bälle verteilte und die zahlreichen Vorstöße von Libero Kienast absicherte. Neben Schöttel lief Andreas Herzog auf, welcher die offensiven Bewegungen instruierte, mit Ball am Fuß einige Male hervorragend aufrückte und als primärer Spielgestalter im letzten Drittel angesehen werden kann. Das Sturmtrio der Rapidler wollen wir genauer beobachten:

Rapids Sturmtrio

Die Wiener spielten nominell mit drei Stürmern: Heimo Pfeifenberger, Jan Age Fjörtoft und Christian Keglevits. Diese drei bewegten sich aber enorm viel und entgingen dadurch den gegnerischen Manndeckungen. Pfeifenberger suchte dabei Räume in der Mitte und war quasi ein hängender Stürmer, während Keglevits sich sehr stark nach rechts bewegte und immer wieder im Raum hinter Brehme auftauchte.

Darum hatten auch Hauptmann und später Weber viel Platz, weil Brehme immer wieder tief aushelfen musste und die beiden dann weite Räume zum Aufnehmen von Geschwindigkeit erhielten.  Fjörtoft bewegte sich auch viel, war aber öfter in der Nähe vom halblinken Innenverteidiger und spielte stärker als zentraler Stürmer, wodurch auf links weniger Kombinationen stattfanden.

Es hatte aber auch etwas positives, denn der wohl beste Verteidiger, Bergomi, hatte selten einen direkten Gegenspieler und konnte seine herausragenden Fähigkeiten im Zweikampf nur selten ausspielen. Dieses Problem umging Rapid durch diese Bewegungen sowie durch Herzogs Vorstöße im rechten Halbraum, welche für Gefahr sorgten.

Inters Formation

Auch Inter Mailand begann mit einer Fünferkette und drei zentralen Verteidigern. Sergio Battistini war dabei vor Welttorwart Walter Zenga der Libero und hatte zwei eisenharte Verteidiger um sich: Riccardo Ferri sowie Giuseppe Bergomi, beides Weltklasse-Manndecker jener Zeit. Auf links begann Andi Brehme, der deutsche Flügelverteidiger, der sowohl mit rechts als auch mit links perfekt flanken konnte, aber nur selten Abnehmer in der Mitte fand. Ihm gegenüber spielte Alessandro Bianchi auf rechts, welcher aber relativ unauffällig blieb.

Im Sturmzentrum startete Jürgen Klinsmann neben Aldo Serena, Letzterer musste aber im Spielverlauf verletzungsbedingt für Giuseppe Baresi weichen, ohne, dass es dabei größere taktische Auswirkungen gab. Ähnliches gab es im Mittelfeld bei Lothar Matthäus, welcher nach einem frühen Zweikampf mit Peter Schöttel einen Schlag abbekam und bereits in der 24. Minute von Fausto Pizzi ersetzt wurde. Mit Matthäus begannen Nicola Berti und Andrea Mandorlini in der Zentrale.

Die Rolle von Nicola Berti

Mit Matthäus und Mandorlini als Halbspieler gab es zwei offensiv wie defensiv agierende Akteure – im Normalfall würde man hier einen Sechser dahinter oder einen Zehner davor platzieren; Berti war in gewisser Weise beides. Offensiv teilte er sich Aufgaben mit Matthäus, defensiv mit Mandorlini. Dazu stabilisierte er die Ballzirkulation im ersten Drittel, leitete im zweiten Drittel Angriffe ein und rückte gelegentlich noch weiter auf, auch wenn ihm hierzu etwas die Dynamik fehlte.

Dennoch war er ein sehr wichtiger Faktor in diesem Spiel, denn der große Unterschied in der individuellen Klasse – nämlich die deutlich höhere Passgenauigkeit unter Bedrängnis – wurde von ihm versinnbildlicht. Selten verlor er die Ruhe, war das Metronom des mannschaftlichen Passspiels und spielte als moderner Sechser in diesem 3-5-2-System.

Situative Viererkette bei Rapid, Asymmetrie bei Inter

Ein großer Unterschied war auch die Art zu verteidigen in diesen vermeintlichen Dreierabwehrsystemen. Bei Inter gab es eine klare Asymmetrie, welche durch die Bewegungen der gegnerischen Stürmer und die eigene Tiefe entstand. Sie zogen oftmals mit ihren Gegenspielern mit und offenbarten Lücken, die aber nur unzureichend bespielt wurden. Andererseits hatten sie durch die teilweise raumdeckend agieren Mittelfeldspieler und die hohe Defensivkompaktheit wenig Raum für den Gegner offenbart, in welchem dieser im letzten Spielfelddrittel hätte kombinieren können.

Bei Rapid Wien wurde etwas anders gespielt: Kienast rückte oftmals vor seine zwei Halbspieler auf, welche sich ebenfalls gelegentlich in die Offensive miteinschalteten. Mit Schöttel in der Mitte hatte Kienast eine Absicherung, doch Schöttel ließ sich nicht nach hinten fallen, sondern blieb im Mittelfeld.

Außerdem fingen sowohl er als auch Kienast einige Bälle im Zentrum ab, wodurch die Innenverteidiger keine Absicherung hatten und in situativen Viererketten spielten. Die Flügelverteidiger eilten nach hinten und halfen mit, obwohl ihre Gegenspieler nur wenig Druck nach vorne ausübten.

Pressing: Inter greift anfänglich an, Rapid dominiert letztlich

In der Anfangsphase machten die Italiener extrem viel Druck und kamen zu einigen Chancen –zwei landeten im Tor, eine davon wurde wegen Abseits abgepfiffen. Doch nach einem Fehler von Kienast machte Matthäus das 1:0, was für viele schon wie die sichere Niederlage wirkte. Aber Rapid konnte sich davon erholen und diktierte das Spielgeschehen.

Rapid praktizierte dabei immer mit zwei bis drei Mann ein passives Angriffspressing, wobei sich im Pressing normalerweise Pfeifenberger tiefer stellte und das Mittelfeld kompakter machte. Inter verlor die meisten Bälle, wenn sie ins letzte Drittel kommen sollten und gleichzeitig konnten sie vorne wenig Bälle erobern. Auch sie postierten sich mit zwei Angreifern hoch im Pressing, doch danach klaffte eine enorme Lücke, weil sich das Mittelfeld zurückzog.

Die Defensive stand tief und kompakt, doch darum hatte Rapid den Ball und konnte eine gute Raumnutzung betreiben. Inter erhielt wenig Zugriff und die meisten Zweikämpfe waren Tacklings, wo sie nur wenig Ballsicherung herausziehen konnten. Rapids Problem in der Ummünzung dieser Feldüberlegenheit war ihre Ungenauigkeit im Passspiel sowie mangelnde Läufe in die Tiefe und Durchsetzungskraft.

Doch mit dem Treffer von Pfeifenberger balancierte sich das ganze aus, jedoch war Rapid weiter stark. Pfeifenberger zockte und suchte Lücken, womit die Mailänder einige Probleme hatten. Auf beiden Seiten unterbrachen gute taktische Fouls das Spielgeschehen, einige Male konnten dadurch auch Inters Konter aufgehalten werden. Diese spielten zahlreiche diagonale Angriffe auf die Räume hinter den aufgerückten gegnerischen Flügel, welche allerdings in wenigen zu Ende gespielten Angriffen mündeten.

Fazit

Es war eines der großen Spiele in der jüngeren Geschichte Rapid Wiens, welche in einer hervorragenden Partie gegen Inter Mailand dank Toren von Pfeifenberger (55.) und Keglevits (71.) gewinnen konnten. Mit Feld- und Ballüberlegenheit sowie den klassischen Tugenden Kampf und Einsatz haben sie die Italiener vor große Probleme gestellt, welche ihrerseits zu nachlässig und tief agierten. Ein verdienter Sieg für Rapid, welche im Rückspiel in der Verlängerung unglücklich ausschieden.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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