Am gestrigen zweiten Tag der Europameisterschaft 2016 entschieden in vielen Phasen Nuancen. Der Fußball wurde an einem neuerlich nicht gerade hochwertigen Tag auf seine... Der vercoachte zweite EM-Tag: „Fertigspielen“ erwünscht!
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_Roy Hodgson - EnglandAm gestrigen zweiten Tag der Europameisterschaft 2016 entschieden in vielen Phasen Nuancen. Der Fußball wurde an einem neuerlich nicht gerade hochwertigen Tag auf seine Banalitäten reduziert. Insgesamt kann man den Tag am ehesten als „vercoacht“ zusammenfassen.

Albanien gegen die Schweiz. Ein Spiel wie ein Hack & Slay Rollenspiel, aber mit ununterbrochenen Entschuldigungen und Sympathiebekundungen. Irgendwie war’s wie das Parkkickerl, bei dem sich jeder kannte und nachdem einer – nämlich Lorik Cana – früher heim musste, war’s schon irgendwie klar, wie’s ausgehen würde.

Ehemaliger Schweizer Schützenkönig verpasst Stich in Schweizer Herz

Die Mannschaft von Giovanni de Biasi kämpfte beherzt, war aber (auch zu elft) noch schwächer als schwache Schweizer. Die wiederum spielten ihre Konter viel zu zögerlich fertig, hatten alleine vor dem gegnerischen Torhüter mehrmals Muffensausen und durften am Ende sogar froh sein, dass Shkelzen Gashi, wie es die Ironie so will Schweizer Schützenkönig 2015, in den USA die Kaltblütigkeit vor dem Tor verlor.

Auch Schweiz als guter Aufbaugegner

Was die Schweiz ablieferte war schlichtweg zu wenig. Mit derart tief agierenden Außenverteidigern wird’s auch gegen die gut organisierten Rumänen schwer. Und die Franzosen freuen sich nach dem „Fast-Schock“ aus dem Auftaktspiel sowieso schon auf dankbare Aufbaugegner.

Beinhartes Duell der EM-Debütanten

Aufbaugegner gibt’s in Gruppe B übrigens keine. Das Spiel zwischen Wales und der Slowakei war von Anfang an hart umkämpft. Der bedächtige norwegische Schiedsrichter Svein Oddvar Moen zeigte fünf gelbe Karten und damit mehr als in jedem anderen Spiel des letzten Jahres. In seinen 35 vorherigen Saisoneinsätzen – in Tippeligaen, Champions League und EM-Qualifikation – zeigte er jeweils maximal vier.

Wales macht die Mitte dicht

Ein Freistoß von Gareth Bale spielte Wales in die Karten, denn mit einem 1:0 im Rücken spielt es sich gegen die Slowakei relativ geradlinig. Aus Ermangelung eines durchschlagskräftigen Neuners und aufgrund des zahnlosen Flügelspiels unserer östlichen Nachbarn, hieß es für Wales schlichtweg „Mitte dicht machen“. Und das machte die Coleman-Elf extrem konsequent. Dabei hatten die Slowaken psychologisch betrachtet den besseren Start erwischt – Hamsiks Abschluss nach unwiderstehlichem Solo-Lauf wurde von der Linie gekratzt. Diese Spannung aufrecht zu erhalten gelang jedoch nicht.

Keine slowakische Hilfe von außen

Mitschuld an dieser Tatsache trägt auch der slowakische Trainer Jan Kozák, der sich in dieser Partie als In-Game-Coaching-Verächter erwies. Obwohl er sehen musste, dass seine Mannschaft nie richtig die Breite nutzte und viel zu häufig mit dem Kopf durch die Wand respektive die Mitte wollte, verharrte er stoisch in seiner Coaching Zone, als würde er sich eine Operette im Národné divadlo zu Bratislava reinziehen. Er überließ seine Mannschaft eine halbe Stunde lang sich selbst und mit Ausnahme von Hamsik gibt es im slowakischen Team eben keine Architekten, die das Ruder herumreißen könnten.

Kämpferische „Rote Drachen“

In der zweiten Hälfte schien Dudas Jokertor die Repre doch noch zu erlösen, aber Wales erwies sich einmal mehr als kampf- und willenstark, schlug zurück und entschied das allererste EM-Spiel des Verbands schließlich verdient für sich. In den nächsten beiden Spielen bekommen es die Waliser mit einem wuchtigeren und einem technisch stärkeren Gegner zu tun, aber so oder so haben die Roten Drachen genügend Brusthaare um sich auch den Russen und den Engländern entgegenzustemmen.

Hitziges Duell Löwe vs. Bär bleibt aus

Letztgenannte bekriegten sich leider auf den Straßen und Plätzen von Marseille. Die Fan-Krawalle in der ohnehin „heißen“ Hafenstadt sorgten für die ersten Negativschlagzeilen des Turniers. Die „Gimn“, die Hymne der Russischen Föderation wurde von den Fans der Three Lions gnadenlos niedergepfiffen. Alles war angerichtet für einen wilden, schonungslosen Fight – aber am Ende stand man mit einem zähen Spiel ohne größere Emotionen da.

Hogdson zu stur

Roy Hodgson machte mit seiner Aufstellung den ersten Fehler, ließ Jamie Vardy draußen, verzichtete auf das bewährte 4-4-2 bzw. 4-2-4. Die Umstellungen erfolgten ebenfalls viel zu spät. Bereits in der ersten Hälfte war klar, dass etwa Dele Alli auf der Seite des starken Kyle Walker keinen guten Verbindungsmann nach vorne abgab und, dass Raheem Sterling der bei einer EM stets lauernden Gefahr eines Individualistenspiels auflief. Der kleine City-Flügel wollte eine Show abziehen, verlor das Auge für seine Mitspieler und setzte nicht nur eine Kontergelegenheit in den Sand. Der 21-Jährige kostete übrigens vor einem Jahr gute 15 Millionen Euro mehr als das neue Stadion des SK Rapid…

England hatte jede Menge Platz – und spielt’s nicht fertig

Bei keinem der drei vorangegangenen Spiele hatten die Mannschaften, vor allem die Engländer derart viel Platz, Überzahlsituationen oder Pattstellungen in Vorwärtsbewegung. Wie schon die Schweizer schafften es die Three Lions aber nie diese Aktionen fertig zu spielen und wenn es doch einmal gelang, rettete der solide Igor Akinfeev.

Systemumstellung hätte Abhilfe geschaffen

Im Grunde hatten die Engländer in jeder Statistik die Nase vorn, verabsäumten aber allerspätestens nach der Führung eine markantere Systemumstellung. Ein zweiter Stürmer hätte die Engländer dauerhaft kompakter gemacht, ohne das Spiel zu offensiv werden zu lassen. Hodgson hat tatsächlich das Spielermaterial um dies zu bewerkstelligen. Stattdessen spielte man das relativ starre 4-3-3 fertig, bespielte hauptsächlich die linke Seite der Russen, obwohl dort mit Shchennikov der an diesem Tag bessere Außenverteidiger spielte und fing sich so – irgendwie unverdient und doch gar nicht so unerwartet – den Ausgleich durch Vasiliy Berezutski.

Trotz des Punkts: Sbornaja wird noch Probleme bekommen

Der routinierte Innenverteidiger, der aussieht als wäre er direkt vom FSB in die Nationalelf eingeschleust worden und den man sich daher unweigerlich dauernd in Uniform vorstellen muss, war über die gesamte Partie der gefährlichste Akteur der Sbornaja. Die Russen sind nach Albanien, der Schweiz und der Slowakei das vierte Team des zweiten Spieltags, das offensichtlich ein Problem im Sturmzentrum hat. Artem Dzyuba ist anmutig wie ein MMA-Kämpfer, wird aber für seinen Stil bei der EURO etwas zu wenig Platz bekommen. Nachdem das schwerste Spiel der Gruppe für die Russen (noch dazu mit einem Punkt) bereits vorüber ist, klingt es vielleicht etwas paradox, aber diese russische Mannschaft – stabil, aber dennoch bieder – muss die anderen beiden Gruppengegner erst mal biegen!

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen