Die ersten beiden Tage des EM-Achtelfinals sind geschlagen. Das absolute Topspiel und ein weiteres aus österreichischer Sicht höchstinteressantes Aufeinandertreffen stehen noch vor uns. Die... Von miserabel bis sensationell: Die Höhen und Tiefen der ersten beiden Achtelfinaltage
Pin It

Eden Hazard - Belgien, Chelsea_abseits.atDie ersten beiden Tage des EM-Achtelfinals sind geschlagen. Das absolute Topspiel und ein weiteres aus österreichischer Sicht höchstinteressantes Aufeinandertreffen stehen noch vor uns. Die beiden Achtelfinaltage hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Das Tor des Turniers

Polen und die Schweiz eröffneten die Runde der letzten 16. Das „under“ war ja praktisch vorprogrammiert, schließlich kassierten die Polen im bisherigen Turnier kein Gegentor und auch die Schweizer waren eher für die guten Leute in ihrer Viererkette bekannt. Am Ende stand ein 1:1, ein starker Jakub Blaszczykowski und das vorweggenommene Tor des Turniers von Xherdan Shaqiri, der wohl sein Leben lang brauchen würde, dieses Tor noch einmal nachzuspielen. Einen tragischen Helden muss es in jedem Elferschießen geben. Diesmal war dies Granit Xhaka, dem der Ball komplett über den Rist rutschte und der bösen Zungen ordentlich Futter gab. Schließlich wäre der zentrale Mittelfeldspieler die 45 Millionen Euro, die Arsenal vor einigen Wochen für ihn bezahlte, niemals wert. Einen Elfer – gerade im Elferschießen – verschossen aber auch schon andere Kaliber…

Norn‘exit

Es folgte das „Derby“ und – oh, the irony – es wurde durch ein Eigentor der gerade gegen den Willen der im Norden der grünen Insel ansässigen Mehrheit gebrexiteten Nordiren entschieden. Der Fußball ist manchmal ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Auch diese Partie verlief erwartungsgemäß, auch wenn vielleicht nicht ganz abzusehen war, dass die Nordiren so brav mitmachen würden. Die O’Neill-Elf suchte durchaus Abschlüsse und wurde schließlich nur mit viel Glück besiegt. Wales steht nach dem dritten Sieg im vierten Spiel verdient im Viertelfinale. Nordirlands Fan-Liebling Will Grigg kam übrigens nicht zum Einsatz, weshalb er wahrscheinlich ordentlich on fire ist.

22 Männer mit Schlafkrankheit

Portugal verlor noch keine einzige Partie in diesem Turnier – allerdings gewannen die Jungs von Fernando Santos auch keine. Drei Remis in der Gruppenphase und nun ein hypersomnisches 0:0 gegen Kroatien. Es war eine Traumpartie – allerdings im wahrsten Sinne des Wortes. Eher etwas für Narkoleptiker. Zwei Mannschaften, die an sich selbst doch recht hohe Ansprüche stellen und sich jeweils zumindest für die Top-8 des Turniers geeignet sahen, lieferten sich einen richtig miesen Kick, der schließlich sogar noch in der Verlängerung entschieden wurde. Ricardo Quaresma, bei dem wir immer noch eine elektronische Fußfessel unter seinen Schienbeindeckeln vermuten, staubte nach einem Ronaldo-Schuss ab und Portugal hat sein Mindestziel damit erreicht, ohne eine einzige Partie nach 90 Minuten als Sieger zu verlassen. Ob dies gegen die defensiv-starken und offensiv mit durchaus hohem Potential ausgestatteten Polen gelingen wird, steht auch noch in den Sternen – ist aber sicher möglich.

Frankreich stolpert weiter – wird aber etwas besser

Tag 1 – abhaken! Brauchen wir nimmer, wollen wir nimmer, war sehr zäh. Tag 2 hatte da eindeutig mehr zu bieten. Zunächst durfte der weiterhin nicht überzeugende Gastgeber ran, der nach knapp 100 Sekunden bereits gegen Irland zurücklag. Ein völlig ungeschicktes Elferfoul des überschätzten Paul Pogba leitete den Führungstreffer für die Boys In Green ein. Erst in der zweiten Halbzeit legte Frankreich zu und begann endlich auch attraktiv zu spielen. Ein Doppelpack von Antoine Griezmann und eine rote Karte für Irlands Shane Duffy ließen die Partie kippen. Und doch fehlt bei den Franzosen noch vieles, etwa die Effizienz bei Standards, die Sicherheit im Abschluss, die Kompaktheit auf der Zentralachse. Es braucht tatsächlich noch eine und noch eine und im Finale noch eine Steigerung, wenn der 10.Juli zu einer echten Home Party werden soll.

Deutsche Maschinen

Denn momentan sieht’s da noch eher nach einer Party in Schwarz-Rot-Gold aus. Deutschland fegte eindrucksvoll über die Slowakei hinweg – der Weltmeister bewies dabei unter anderem seine Stärke in der Breite des Kaders. Julian Draxler kommt nun in Spiellaune und hatte einige Topaktionen, die nicht nur auf Direktheit und Effekt ausgerichtet waren, sondern auch das Publikum unterhielten. Jerome Boateng – wir haben uns letztens erst das Haus neben ihm gekauft – sorgte für die deutsche Führung und hätte Mesut Özil fünf Minuten später den Elfer reingemacht, wäre die Slowakei wohl hinrichtungsreif gewesen. So wurde es aber ein verkraftbares 3:0. Deutschland zeigte, dass man ausreichend Klasse besitzt, um einen Fehler wie in der Vorbereitung (in Augsburg gab es ein 1:3 gegen die Slowakei) kein zweites Mal zu machen. Und da Jogi Löw mal wieder an seinem Finger roch, sind alle glücklich – auch die Boulevard-Medien, die über die Spiele selbst nicht so gern berichten. Auch wenn die Spiele gegen Polen und Nordirland keine Leckerbissen waren, ist Deutschland bisher am ehesten eine „Mannschaft der Maschinen“. Sie schalten einen Gang hoch, wenn’s nötig ist und man hat immer das Gefühl, dass nach oben noch mehr drin ist. Das Viertelfinale gegen Italien oder Spanien wird höchst interessant, möglicherweise sogar das interessanteste Spiel der EM.

Auch Belgien scheint bereit

Das bisher beste Spiel der EM wurde uns dann zum Abschluss des Tages geliefert. Die Belgier würden am 10.Juli mehr oder weniger in den gleichen Farben feiern, wie die Deutschen. Und tatsächlich könnte es sein, dass sich diese beiden Teams im Finale treffen. Nach einem vercoachten Erstauftritt gegen Italien, haben Wilmots‘ Jungs begriffen, worum es in Frankreich geht. Zwei Siege in der Gruppe und nun ein fulminantes 4:0 über ebenfalls gute Ungarn waren die Folge. Die Roten Teufel und die Magyaren lieferten sich einen offenen Schlagabtausch der Extraklasse. Unzählige Torszenen, Härte, Emotionen, keine Mittelfeldgeplänkel – hier ging es richtig zur Sache! Ungarn, einer der drei Sargnägel des ÖFB-Teams, kann sich trotz der höchsten Turnierniederlage erhobenen Hauptes auf Heimreise begeben. Und Belgien ist plötzlich doch wieder einer der Turnierfavoriten. Einerseits wegen des leichteren Turnierasts, andererseits aber auch wegen der großartigen Leistungen von Eden Hazard und Kevin de Bruyne. Dass durch Batshuayi und Carrasco zwei Joker-Tore gelangen spricht ebenfalls für diese Mannschaft, der man nun nachsagt, dass sie trotz Marc Wilmots intakt ist. Die teils offensichtlichen taktischen Fehler des Coaches hin oder her – das belgische Umschaltspiel war am gestrigen Abend einfach nur ein Hammer!

Die Spitzenspiele werden heute fixiert

Polen gegen Portugal und Wales gegen Belgien. Das sind die ersten Viertelfinalpartien, die feststehen. Interessanterweise wird eine dieser vier Mannschaften mit Sicherheit im Finale der EURO 2016 stehen. Die anderen beiden Viertelfinalspiele, also die Gegner von Deutschland und Frankreich werden heute Abend ermittelt. Dabei kann es sein, dass es zu echten Infights mit Geschichte kommt. Deutschland hat sowohl mit Italien, als auch mit Spanien eine lange Historie und Frankreich gegen England ist ohnehin seit Menschengedenken ein Gigantentreffen. Nur Island kann noch verhindern, dass es zu zwei echten Viertelfinalhits kommt.

Daniel Mandl, abseits.at

Pin It

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen