Trotz des Trainerwechsels schien sich Red Bull Salzburgs Erfolgslauf der Vorsaison – begonnen unter Roger Schmidt – nahtlos in dieser Saison fortzusetzen. Sie demontierten... Das 2:3 gegen Sturm als Beispiel: Red Bull Salzburgs mögliche Anfälligkeiten unter Adi Hütter

Red Bull Salzburg - Wappen mit FarbenTrotz des Trainerwechsels schien sich Red Bull Salzburgs Erfolgslauf der Vorsaison – begonnen unter Roger Schmidt – nahtlos in dieser Saison fortzusetzen. Sie demontierten zu Saisonbeginn eine Mannschaft nach der anderen, doch in den letzten Wochen zeigten sie einige Probleme; obwohl Neo-Trainer Adi Hütter natürlich einer der besten seines Fachs in Österreich ist. Dennoch gab es einige Aspekte, wo sich kleinere Instabilitäten in den nächsten Monaten verfestigen könnten und die u.a. in der CL-Qualifikation sowie gegen Sturm Graz bereits auffällig waren.

Veränderte Offensivstruktur

Ein Faktor ist natürlich die veränderte Spielweise im Angriff; zwar gehen die Salzburger nach wie vor bewusst von den Flügeln in Richtung Halbräume und bis hin zur Mitte, überladen diese Zonen und versuchen sich auf engstem Raum durchzukombinieren, doch die Bewegungen sind nicht perfekt abgestimmt. Einerseits schmerzt hier natürlich der Abgang Manés, der im Verbund mit Kampl schlichtweg herausragend im Bespielen enger Räume und im Einbringen von Dynamik in diese Räume war. Andererseits scheint das Zusammenspiel mit den Stürmern nicht mehr so ideal abgestimmt zu sein.

In der Vorsaison erreichte man in diesen natürlich sehr komplexen Situationen, in denen gegen viele Gegner in sehr schneller Manier und technisch hochwertiger Qualität gespielt werden muss, im Frühjahr für einige Wochen nahezu Perfektion. Alan und Soriano reagierten herausragend auf die einrückenden Bewegungen der Flügelstürmer, öffneten füreinander mit tollem Timing die Räume und besetzten das Sturmzentrum so flexibel, dass kaum eine Abwehr ein Mittel dagegen fand.

Dieses Timing und die Pünktlichkeit in den Bewegungen haben abgenommen. Zurzeit wirken sie darum gegen tiefstehende, kompakte und von den Seiten in die Mitte schiebende Abwehrreihen nicht mehr ganz so präsent. Allerdings könnte dies auch ein gängiges Phänomen sein; in der Ära Roger Schmidts gab es beispielsweise auch letzten Herbst und gegen Saisonende einige Spiele, in denen diese Bewegungen nicht mehr funktionierten. Im Defensivspiel sieht es aber anders aus.

Simpleres Defensivspiel

Unter Hütter spielte Grödig ein extrem intensives, sehr aggressives und durchgehend ballorientiertes Defensivspiel, was ihnen den dritten Platz und Hütter vermutlich den Posten bei Red Bull einbrachte. Häufig wurde Grödig auch mit Red Bull in der Arbeit gegen den Ball vergleichen; was in Ansätzen stimmen mag, doch einige Unterschiede fielen schon damals auf. Zwar wies auch Red Bull eine extreme Ballorientierung auf, aber das Verschieben und die Struktur im Pressing waren deutlich organisierter.

Die Bullen spielten beispielsweise nominell in einem 4-4-2, woraus jedoch ein 4-2-4 beziehungsweise ein asymmetrisches 4-3-3/3-4-3 wurde, in welchem die Mittelstürmer zuerst den Sechserraum versperrten, dann die Flügelstürmer ballnah nach vorne auf den Innenverteidiger rückten, die Außenverteidiger dessen Position übernahmen und die Mittelstürmer sich daraufhin aggressiv am Pressing beteiligten. Das aktuelle Pressing der Bullen wirkt teilweise noch aggressiver, aber häufig auch chaotischer und nicht mehr so konstant. Die mangelnde Struktur scheint ihnen auch die Mechanismen zu nehmen, wodurch sie dann in gewisse „Standardphasen“ zurückfallen. Sie wirken dann wie ein eher normales und im klassischen 4-4-2 hochpressendes Team.

Generelle Unsauberkeit in den Abläufen

Diese Unsauberkeit im Spiel in Ballbesitz, u.a. auch die geringere Organisation bei zweiten Bällen, aber eben auch im Pressing und in der Struktur im Angriffsdrittel, dürften wohl durch eine veränderte Trainingsausrichtung, eine andere Spielweise der Gegner sowie natürlich form- und spielerbedingter Natur sein. Welche Probleme dadurch entstehen können, ist noch unklar. Bayer Leverkusen hatte durch eine ähnliche Entwicklung unter Sami Hyypiä in der vergangenen Saison nach dem Abgang Sascha Lewandowskis die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte, spielte aber graduell schwächer und brach in der Rückrunde ein.

Das ist bei Red Bull Salzburg allerdings nicht zu erwarten. Sie haben mit Hütter einen deutlich kompetenteren und von der Spielphilosophie passenderen Trainer, dazu sind sie individuell der Liga weit überlegen und haben ein ganz anderes Fundament in puncto taktischer Ausrichtung und Rhythmus. Der Rhythmus, den sie unter Schmidt spielten, war sehr intensiv, aggressiv und trotz dieser extremen Ausrichtung in gewisser Weise immer monoton und konstant. Diesen Rhythmus möchte Hütter nach wie vor verfolgen, wodurch größere Probleme ohnehin nicht entstehen sollten. Dennoch könnten einzelne Ausrutscher – die es wie erwähnt schon in der Ära Schmidt auch öfter gab – häufiger vorkommen. Letztes Wochenende sah man ein mögliches Paradebeispiel dafür.

Das Spiel gegen Sturm

An sich verteidigte Sturm nicht ausgezeichnet – und ließ auch zwei Tore zu. Dennoch konnten sie gegen Red Bull gewinnen, da sie trotz nur 29% Ballbesitz einerseits wenige hochklassige und unbedrängte Torchancen zuließen und gleichzeitig drei Tore machten. Ein Problem war das nicht mehr ganz so perfekte und kompakte Gegenpressing der Salzburger. Beim zweiten Tor konnte Red Bull zum Beispiel nicht ordentlich attackieren, über den rechten Flügel bauten sie im Umschaltspiel keinen ordentlichen Druck auf, die Innenverteidiger waren zu breit gestaffelt und ein langer Ball auf den zweiten Pfosten führte zum Treffer Beichlers.

Das größere Problem war aber offensiver Natur.

RBS breitenlos, Sturm herausrückend und flexibel dabei

In dieser Szene sehen wir, dass die Bullen keine wirkliche Breite im Spiel haben und ihre Offensivstaffelung relativ chaotisch wirkt. Besonders interessant ist die Wechselwirkung mit dem Gegner: Sturm ist an sich keine extrem kompakte Mannschaft und hat gelegentlich im Zwischenlinienraum sowie in den Halbräumen Probleme beim Verschieben. Salzburg bespielte diese aber nie, weil sie sich schlichtweg immer kollektiv in diesen Räume zusammenzogen, die Grazer mit deren mannorientierter Raumdeckung dorthin lockten und den Gegner dadurch zu einer effektiven Kompaktheit zwangen.

In dieser Situation muss Soriano prallen lassen und der Passempfänger steht vor einem dichten 4-4-Block; hätte er auf Kampl gespielt, wäre dieser komplett isoliert gewesen. In der Vorsaison wäre der Außenverteidiger vermutlich früher in die Tiefe gegangen, Soriano hätte dadurch mehr Raum gehabt, die Kompaktheit der Grazer wäre geringer gewesen und Alan wäre im Zentrum als Tiefengeber zur Stelle gewesen. Insgesamt ist dies aber kein fundamentales Problem: Es wird von der Entwicklung abhängen.

Keine Kritik, sondern eine Stilfrage?

In Anbetracht von Hütters Kompetenz, den guten Saisonergebnissen zu Beginn und natürlich seinen Erfolgen bei Grödig ist es durchaus möglich, dass Hütter lediglich einzelne Veränderungen zu implementieren beginnt und diese sich an der bisherigen Spielweise spießen. Eine veränderte Spielweise in die Spitze, beispielsweise mit weniger kleinräumigen Kombinationen und größerer Überbrückung des Mittelfelds mit langen, flachen Vertikalpässen könnte eine extremere Durchschlagskraft und mehr 100%ige Torchancen bedeuten. Die Flügel könnten dann etwas asymmetrischer agieren, was auch die leicht veränderte Bewegung und Harmonie der Mittelstürmer erklärt.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob es lediglich eine schlechtere Umsetzung vom bisherigen Plan A sind oder die ersten Zeichen, dass Hütter auf Basis des Schmidt’schen Konzepts seinen eigenen Plan einführen möchte. Ein interessanter Prozess wartet auf Red Bull Salzburg.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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