Red Bull Salzburg schafft in einer denkwürdigen Europapokal-Nacht mit einem 4:1 Heimsieg über Lazio Rom den erstmaligen Aufstieg in das Halbfinale der Uefa Europa... Analyse: Der Tag als Red Bull Salzburg Lazio Rom kalt erwischte

Red Bull Salzburg schafft in einer denkwürdigen Europapokal-Nacht mit einem 4:1 Heimsieg über Lazio Rom den erstmaligen Aufstieg in das Halbfinale der Uefa Europa League. Trainer Marco Rose legte im Vorfeld dieser Partie mit einer intelligenten Systemumstellung den Grundstein für diesen historischen Erfolg. Rose und sein Trainerteam spielten dabei auf sehr hohem Niveau mit Raum und Gegner und zogen die richtigen Schlüsse aus dem Hinspiel. Das praktizierte 4-3-3 / 4-3-2-1 passte er dabei sehr gut an die Spielstruktur der Römer an und schuf damit größere Räume und eine erhöhte Bewegung innerhalb des italienischen Defensivblocks sowie stabilere Angriffsvariationen für sein Team. Am Ende des Tages mussten aber unglaubliche fünf Minuten herhalten, um diese Sensation wahr werden zu lassen.
Wir werfen in dieser Analyse einen Blick auf die vorgenommenen Anpassungen von Marco Rose und das daraus entstandene System. Und wir wagen den Versuch, die zweiten 45 Minuten irgendwie in Worte zu fassen.

Grundordnungen und Personal

Wie in der Einleitung bereits kurz angerissen, passte Bullen-Coach Marco Rose seine Grundordnung für das Rückspiel gegen Lazio Rom etwas an. Rose setzt in der laufenden Saison ziemlich konstant auf das gewohnte 4-3-1-2, welches ihm auch schon den Erfolg in der Youth League vor einem Jahr beschert hatte. Wenn er aber vereinzelt seine Grundordnung ändert, macht er dies äußerst passend, konsequent und sehr gut vorbereitet. Dies konnte man zum Beispiel beim Ligaspiel gegen Rapid im November sehen, wo er seine Mannschaft in einer völlig neuartigen 3-4-3/5-4-1 Struktur auf das Feld schickte. Und ähnlich passend und griffig war auch die vorgenommene Systemumstellung gegen die Italiener, wie wir später noch im Detail sehen werden. Das 4-3-3 öffnete vor allem im Ballbesitz Räume und Passverbindungen, die notwendig waren, um das Defensivbollwerk von Simone Inzaghi etwas instabilisieren zu können.

Personell kam es vor allem aufgrund von Sperren zu einzelnen Rochaden. Während der in Rom gesperrte Hwang in die Startformation zurückkehrte, mussten die Bullen im Rückspiel auf den so wichtigen Sechser Samassekou verzichten. Keine Änderungen musste Rose in den hintersten Bereichen vornehmen. Lainer, Ulmer, Ramalho und Caleta-Car bildeten somit wieder die Viererkette vor Torhüter Walke.
Das zentrale Dreier-Mittefeld bestand aus Xaver Schlager auf der Sechserposition sowie aus Berisha und Haidara auf den jeweiligen Positionen in den Halbräumen neben Schlager.
Die neu strukturierte Angriffslinie bekleideten zu Beginn Yabo und Hwang auf den breiten Außenpositionen sowie Dabbur im Sturmzentrum. Die Zehner-Position in der Raute opferte Rose für eine breitere Staffelung im eigenen Offensivspiel und für eine bessere Bindung der gegnerischen Fünferkette.

Gäste-Trainer Simone Inzaghi sah sich hingegen nicht gezwungen, in Bezug auf Grundordnung und Personal etwas zu verändern. Wie erwartet blieb deshalb die robuste 5-3-2/5-3-1-1 (5-Raute-1) Grundordnung samt deren personellen Zusammensetzung gleich.
Zentral vor Torhüter Strakosha verteidigten daher wieder Radu, de Vrij und Luiz Felipe. Konsequent unterstützt wurden diese von den beiden Wing-Backs Lulic auf links und Basta auf der rechten Seite.
Den zentralen Punkt im Mittelfeld vor der Abwehr gab wieder Lucas, neben ihm positionierten sich wie in Rom die beiden Achter Milinkovic-Savic und Parolo. Auch die Sturmlinie veränderte sich nicht. Luis Alberto gab die hängende Spitze hinter Ciro Immobile, der auch in Salzburg seine Qualitäten beim Attackieren des Raumes hinter der letzten gegnerischen Linie mehrmals eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte. Zum Glück aus Sicht der Salzburger konnte er die daraus entstandenen Torchancen nur einmal effektiv verwerten.

Erste Halbzeit: Dominanz im Mittelfeld, aber ohne Durchschlagskraft im dritten Drittel

Die Spielcharakteristik war eigentlich vor Spielbeginn schon ziemlich klar. Salzburg war gezwungen, aufgrund der gegnerischen Herangehensweise und der 2:4 Niederlage im Hinspiel das Spiel mit einem deutlichen Plus an Ballbesitz zu gestalten und sie sahen sich zusätzlich noch damit konfrontiert, durchschlagskräftig hinter die tiefe und dicht besetzte italienische Abwehrreihe zu kommen und durften dabei aber auch wieder nicht die eigene Restverteidigung und Konterabsicherung vernachlässigen, um das Spiel nicht schon vorzeitig herzugeben. Eine äußerst komplexe Mischung für die junge Mannschaft aus Salzburg.
Aus Sicht von Lazio war der Plan ziemlich simpel. Sie konnten sich auf die kompakte Verteidigung des eigenen Tores konzentrieren und lauerten nebenbei noch recht entspannt auf sich ergebende Umschaltmomente. So der Plan.

Wie aber bereits erwähnt, zog Rose mit seinem Team die richtigen Schlüsse aus der empfindlichen Niederlage im Stadio Olimpico von Rom und justierte vor allem die Strukturen und Staffelungen bei eigenem Ballbesitz neu. Ziel dahinter war, dem eigenen Spiel mehr Breite und Raum zu geben und mittels intelligenten Positionierungen die gegnerischen Defensivspieler besser zu binden, um dadurch flexibel Räume zu öffnen und die Laziali vor Entscheidungskonflikte zu stellen.

Wichtig in diesem Kontext war, dass die beiden Außenspieler Hwang und Yabo eine ziemlich breite Position einnahmen. Meistens positionierten sie sich nicht ganz auf den Flügeln, sondern in den Schnittstellen zwischen Halbverteidiger und Außenverteidiger der Fünferkette von Rom. Durch diese Positionierung entstand eine Bindung für die beiden Außenverteidiger Basta und Lulic und diese konnten dadurch selten bis nie nach vorne ins Mittelfeld aufrücken und dort Druck ausüben, was im Hinspiel ja doch einige Male zu beobachten war.
Die logische Folge daraus war natürlich, dass sich Salzburg dadurch mehr Freiraum im Mittelfeld schuf und das Dreier-Mittefeld mehr in Bewegung gebracht werden konnte als noch vor einer Woche. Dies gelang mitunter auch recht gut. Vor allem die Außenverteidiger Ulmer und Lainer fanden auf den Flügelzonen recht viel Platz vor und konnten die Aufbauversuche horizontal oder diagonal ins Zentrum besser fortsetzen. Die Passverbindungen waren in der Regel sowohl ins Zentrum zu den drei zentralen Mittelfeldspielern als auch in die Tiefe zu den entgegenkommenden Spitzen offen.

Mit der Umstellung auf ein 4-3-3 griff Marco Rose vor allem im Angriffsspiel einige Punkte auf, die vor einer Woche in Rom noch überhaupt nicht funktionierten:

  • Salzburg hatte durch die Aufhebung der Zehner-Position und den beiden breiten Positionen der Außenstürmer wesentlich mehr Breite im eigenen Angriffsspiel.
  • Dadurch konnte die gegnerische Fünferkette besser gebunden und nach hinten gedrängt werden, vor allem die Flügelverteidiger konnten nicht mehr ins Mittelfeld vorrücken und den Raum neben den drei Mittelfeldspielern verdichten.
  • Dies wiederum hatte zur Folge, dass Salzburg im mittleren Drittel mehr Platz und Zeit vorfand und dank der vorhandenen Überzahlsituation das Mittelfeldband von Lazio öfter in Bewegung und aus der Position bringen konnte.
  • Ein weiterer Nebeneffekt war, dass die beiden Außenverteidiger Lainer und Ulmer durch den freigezogenen Raum bessere Passverbindungen vorfanden und nicht so leicht isoliert werden konnten als noch im Hinspiel, worunter das gesamte Angriffsspiel der Bullen gelitten hat.
  • Die Salzburger gelangen dadurch auch einige Male besser in den Zwischenlinienraum, den es im ersten Spiel ja de facto nicht gegeben hat.

In dieser exemplarischen Szene sieht man die 5-3-1-1 Struktur von Lazio im Spiel gegen den Ball sowie die Staffelungen der Salzburger bei eigenem Ballbesitz. Man sieht, dass durch die Positionen von Hwang und Yabo die Fünferkette sehr tief auf einer horizontalen Linie bleiben musste, was wiederum Raum im Mittelfeld neben den drei zentralen Mittelfeldspielern öffnete. Ähnlich wie im Hinspiel agierte die hängende Spitze Luis Alberto auch dieses Mal ziemlich mannorientiert am Salzburger Sechser Schlager, wodurch Salzburg im Mittelfeld neben einer sauberen Struktur und aufrechten Passverbindungen auch Überzahlsituationen hatte. Was in der ersten Halbzeit noch fehlte, war der Durchbruch hinter die letzte Linie…

Genau das war auch noch das große Problem in den ersten 45 Minuten. Die Bullen spielten gefällig und flüssig und konnten den Ball aus der Abwehr heraus und im Mittelfeld gut und kontrolliert laufen lassen. Durch die Überzahlsituation konnte das Mittelfeld von Lazio auch einige Male in Bewegung gebracht werden bzw. Zuordnungsschwierigkeiten provoziert werden. Was fehlte waren aber die klaren und notwendigen Torchancen. Lazio stand konsequent in einem tiefen Mittelfeldpressing mit acht bis neun Spielern hinter dem Ball und der Raum hinter der Fünferkette wurde auf ein Minimum begrenzt und daher äußerst schwer bespielbar. Der Abwehrblock war schlichtweg zu massiv, um mittels gruppentaktischen Kombinationen in die torgefährlichen Zonen zu kommen. Deshalb war ein Flachschuss von Hwang nach Zuspiel von Schlager die beste Torchance im ersten Durchgang, gleichzeitig mussten ein paar brenzlige Situationen nach Ballverlusten geklärt werden.

Interessanter Pressingansatz bleibt eine Randnotiz

Durch die veränderte Spielcharakteristik und dem deutlichen Plus an Ballbesitz wurde das Pressing der Bullen nicht so gefordert wie noch in den Spielen gegen Real Sociedad oder Borussia Dortmund. Das geordnete Spiel gegen den Ball blieb daher in beiden Begegnungen eher eine Randnotiz, was ungewöhnlich für das Spiel der Salzburger ist. Vielmehr waren im Defensivspiel die Kontrolle von Umschaltsituationen und eine stabile Restverteidigung gefragt, was die Red-Bull Mannschaft gegen die mitunter sehr pressingresistenten Römer vor einige Herausforderungen stellen sollte.

Trotzdem achtete Marco Rose natürlich penibel darauf, eine passende Struktur und Ordnung für die Phasen im Spiel gegen den Ball zu finden, welche sich aufgrund der geänderten Grundordnung ebenfalls leicht verändern mussten.

Das 4-3-3 / 4-3-2-1 blieb auch bei Spielaufbau von Lazio bestehen, die beiden Außenstürmer ließen sich also nicht nach hinten neben die zentralen Mittelfeldspieler fallen, was ein recht passives 4-1-4-1 bzw. 4-5-1 zur Folge gehabt hätte. Und Passivität ist etwas, was Marco Rose gar nicht mag. Schon gar nicht im Spiel gegen den Ball. Deshalb blieben Yabo und Hwang hoch in der Sturmlinie neben Dabbur und orientierten sich dabei an der Position des jeweiligen Halbverteidigers der römischen Dreierkette. Dadurch konnte in der ersten Linie eine 3 gegen 3 Situation hergestellt werden und der Druck konnte je nach Pressingkonstellation auf den ballführenden Gegenspieler rasch erhöht werden.
Interessant in diesem Zusammenhang waren die Positionen der beiden Außenstürmer, wenn auf der ballfernen Seite Druck ausgeübt werden konnte. In solchen Situationen rückten nämlich Yabo und Hwang sehr weit ins Zentrum ein und stellten den Passweg auf Sechser Lucas zu, wodurch kurze und flache Spielverlagerungen über Lucas vermieden werden sollten. Gleichzeitig sollten dadurch natürlich die Druckkomponenten auf den ballführenden Spieler erhöht werden.
Aufgrund der eingerückten Position des ballfernen Außenspielers entstand im Mittefeld immer wieder kurzzeitig eine Raute zusammen mit den drei zentralen Mittelfeldspielern, die ebenfalls zur Ballseite verteidigten und situativ auch immer auf den ballführenden Außenverteidiger durchschieben konnten.

Hwang setzt in dieser Situation den rechten Halbverteidiger Luiz Felipe unter Druck, der äußerst eingeschränkte Möglichkeiten hat, das Spiel konstruktiv fortzusetzen. Ulmer löst sich dafür aus der Viererkette und verteidigt nach vorne auf Außenverteidiger Basta, das zentrale Mittelfeld aus Berisha, Schlager und Haidara verschiebt ebenfalls zur Ballseite und verdichtet die ballnahen Zonen. Am interessantesten ist die Position des ballfernen Flügelspielers Yabo. Dieser lässt sich nicht neben Haidara zurückfallen, sondern bleibt hoch und rückt sehr weit auf Lazio-Sechser Lucas ein. Damit wollte man vermutlich erreichen, dass sich Lazio nicht so leicht aus der Umklammerung am Flügel lösen  kann und das Spiel über Lucas auf die gegenüberliegende, freie Seite verlagert.

Zweite Halbzeit: Geschichten, die eben nur der Fußball schreibt

Dass sich die zweiten 45 Minuten schwer in Worte verpacken lassen, ist klar. Die Mannschaft von Marco Rose provozierte aber auch regelrecht eine solche Geschichte. In der ersten Halbzeit hat man schon gemerkt, dass die neu geschaffenen Strukturen greifen und die erhofften Räume in Ansätzen entstehen. Was noch fehlte, war der Mut und die Entschlossenheit, diese Räume auch konsequent zu bespielen. Die Handbreme war noch nicht ganz gelöst, was ja auch Sinn gemacht hat. Ansonsten hätte man die Partie vielleicht schon zu Früh hergegeben.

Auf alle Fälle erhöhten die Salzburger im zweiten Durchgang noch einmal die Intensität und das Tempo und drückten die Italiener immer weiter nach hinten. Dabei profitierten sie natürlich erneut von ihrer schier unfassbaren Physis, wie auch die italienischen Medien im Nachgang der Partie feststellen sollten. Lainer und Ulmer schoben noch weiter nach vorne, wodurch die Fünferkette massiver attackiert und unter Druck gesetzt werden konnte als noch in Halbzeit eins. Ein ganz entscheidender Faktor.
Im Mittelfeld dominierten die Bullen mit den äußerst starken Schlager, Berisha und Haidara nun noch mehr und sie bespielten die angesprochenen Räume neben dem Mittelfeld von Lazio deutlich mutiger und druckvoller. Perfekt zu sehen war dies beim 2:1 Führungstreffer durch Haidara, der diese verrückten Minuten einleiten sollte. Gestartet wurde der Angriff im linken offensiven Halbraum zwischen Dabbur und Berisha, abgeschlossen dann vom schussstarken Haidara im rechten Halbraum nach einer kurzen, aber äußerst wirkungsvollen Halbraum-Verlagerung von Valon Berisha.

„Ich habe mit Valon in der Pause noch besprochen, dass wir es genauso machen, er mir bei passender Gelegenheit den Ball querlegt“.
Amadou Haidara über die Entstehung seines Treffers

So einfach und eben doch so komplex kann Fußball sein. Die darauffolgenden Minuten werden in die Geschichtsbücher eingehen, in denen Salzburg aber auch alles aufgegangen ist. Der abgerissene Pass von Caleta-Car vor dem 3:1 durch Hwang geht mit einem absoluten Topwert in die Packing-Statistik ein. Dass der Schuss von Hwang noch unhaltbar abgefälscht wurde, passte in diesem Fall einfach dazu. Mit dem 4:1 durch Lainer nach einer einstudierten Eckballvariante war das Salzburger Fußballmärchen endgültig perfekt.

Fazit

Es mag bei einem 4:1 vielleicht idiotisch klingen, der Ausgang dieser Partie war aber extrem knapp. Selten hat man ein Fußballspiel gesehen, bei dem Erfolg und Misserfolg so eng beieinander lagen wie in diesem. Luis Alberto hätte in der 70. Minute das Spiel endgültig entscheiden  und den Salzburgern den Wind aus den Segeln nehmen können. Die steckten aber nie auf und bespielten mit Fortdauer des Spiels die neu geschaffenen Strukturen ihres Trainers immer mutiger und durchschlagskräftiger, wodurch ein derartiger Spielverlauf erst möglich gemacht wurde.
Das Schönste an diesem Triumph ist aber, dass sich Salzburg in ihrer grundsätzlichen Spielidee immer treu bleibt und sich nebenbei laufend weiterentwickelt und optimiert, was noch zum ganz großen Wurf in dieser Saison führen könnte.

PS: Diese Entwicklung kann man mithilfe der Spielanalysen recht gut nachvollziehen, die wir heuer über die Salzburger in der Europa-League für euch verfasst haben. Darunter auch das Spiel in der Gruppenphase gegen den nunmehrigen Halbfinal-Gegner Olympique Marseille.

Gruppenphase:

Vitoria Guimaraes : FC Salzburg 2:2

FC Salzburg : Olympique Marseille 1:0

KO-Duelle:

Real Sociedad : FC Salzburg 2:2

FC Salzburg : Real Sociedad 2:1

Borussia Dortmund : FC Salzburg 1:2

FC Salzburg : Borussia Dortmund 0:0

Lazio Rom : FC Salzburg 4:2

Sebastian Ungerank

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